Wie können Eltern ihren Kindern das Einschlafen erleichtern?

Kind kann nicht einschlafen

„Mama, ich kann nicht einschlafen.“ Die zehnjährige Joanna stand zum dritten Mal an diesem Abend in der Wohnzimmertür und es war nicht zu übersehen, wie  ihrer Mutter Andrea bei diesen Worten der Hals anschwoll und sie gleich platzen würde.

Das war im Dezember 2011, als ich mehrere Wochen bei einer Kollegin und allein erziehenden Mutter einer Tochter in Düsseldorf zubrachte. Dankbar für die unkomplizierte und äußerst gastfreundliche Aufnahme in ihrem Haus, wollte ich mich gerne revanchieren und sah meine Chance gekommen, als sich das Drama zwischen den beiden allabendlich vor meinen Augen wiederholte. Sie hatten ein hartes Jahr hinter sich: mehrere Todesfälle und Querelen in der Familie, finanzielle Sorgen und schulische Probleme. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das an den Nerven einer Alleinerziehenden zehrt. Also bot ich an, Joanna beim Schlafengehen zu begleiten und beide nahmen dankbar an.

Vorbereitung durch gezielte Atmung und autogenes Training

Dies war der Beginn einer neuen wundervollen Entwicklung – und zwar nicht nur für Joanna, sondern auch für mich. Meine beruflichen Wege – über inzwischen mehr als 30 Jahre – hatten mich von der Ausbildung und Tätigkeit als Erzieherin, über ein Philosophie- und Germanistikstudium zum namibischen Radio geführt, wo ich vier Jahre lang Kinder- und Literatursendungen entwickelte und moderierte. Gleichzeitig begann ich mit dem Schreiben, das bis heute den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet. Nach einigen Jahren in einer Bonner Agentur für Film, Funk und Fernsehen habe ich mich 2006 selbstständig gemacht und arbeite seitdem als Autorin, Ghostwriter, Texterin, Sprecherin, Hörbuchproduzentin und Verlegerin. Immer wieder Neues zu wagen, zu meditieren und Geschichten zu erzählen – das alles ist für mich wesentlicher Teil meines spirituellen Lebens, das ich in diesen Wochen mit Joanna teilte.

Ich beobachtete, dass das Mädchen „falsch“ atmete, ihr Bauch wurde flach beim Einatmen und wölbte sich beim Ausatmen. Ich zeigte ihr, wie sie richtig atmet und bat sie, immer wieder im Laufe eines Tages ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten und für ein paar Sekunden bewusst richtig – also genau umgekehrt – zu atmen. Sie war glücklicherweise mir gegenüber sehr aufgeschlossen und ließ sich auf alles ein. Das erste Mal, als ich dann an Joannas Bett saß, bemerkte ich ihre kalten Hände und Füße. Ich begann mit kleinen Atemübungen im Liegen und Übungen aus dem autogenen Training, bei denen sich die Aufmerksamkeit nach und nach auf alle Körperteile richtet und ein wohliges und warmes Gefühl den Körper durchströmt. Für alle, die es ohne viel Training oder Workshopbesuche ausprobieren wollen, reicht es schon mit dem Beispielsatz „Ein wohliges Gefühl strömt durch deinen Körper, zuerst in die Oberarme, dann in die Unterarme und jetzt in die Hand.“ weiterzuarbeiten. Dann kann man ihn langsam und mit Pausen gesprochen auf alle Körperteile anwenden. Das Kind liegt dabei mit geschlossenen Augen auf dem Bett und überlässt sich dieser Vorstellung. Allein durch diese wenige Minuten dauernde Übung wurde Joanna sichtlich entspannter und ruhiger, die Gliedmaßen waren anschließend warm und gut durchblutet.

Ort der Geborgenheit

Aus der Geborgenheit heraus auf individuelle Fantasiereise gehen

Jetzt war der Boden vorbereitet, um sie in eine Meditation in Form einer Fantasiereise zu führen. Entscheidend dabei ist zunächst ein Bild von einem Ort zu erzeugen, in dem „der Reisende“ absolute Ruhe, Frieden und Glück empfindet. Was bietet sich da mehr an, als die Natur. Da es ein vollkommen persönlicher Ort ist, darf der Führende diese Natur nicht konkret ausmalen, sondern muss der Fantasie größtmöglichen Spielraum geben, ihn selbst zu erschaffen. Das gelingt mit allgemeinen Begriffen wie schön, wundervoll, harmonisch, friedlich usw. So kann das meditierende Kind ein Gefühl der allumfassenden Geborgenheit in der ihm eigenen Natur entwickeln. Dies bildet die Basis auf der eine Weiterreise in der Fantasie möglich wird.

Über die Wirkung von Visualisierungen auf Körper und Geist, über die Bedeutung des Schlafes für die Erinnerung an Positives und für die Verfestigung von Lerninhalten gibt es im Übrigen eine Vielzahl von Studien. Demnach sind Imaginationen ebenso wirksam wie tatsächlich durchgeführte Handlungen. Diese Erkenntnis kann man sich in Fantasiereisen zunutze machen.

Im Laufe der Zeit, die ich mit Joanna und Andrea verbrachte, erfand ich mehrere Fantasiereisen. Joanna – und später noch andere Kinder – halfen mir, die Geschichten weiter zu entwickeln, selbst als ich schon längst nicht mehr in ihrem Haus wohnte. Es war das schönste Geschenk für mich mit anzuschauen, wie schon nach kurzer Zeit die Einschlafprobleme verschwanden und Joanna sichtlich entspannter und in der Schule besser wurde. Der Schritt von Joannas Bett ins Tonstudio kam für mich fast zwangsläufig, denn ich hatte zuvor schon einige Male geführte Meditationen aufgenommen. Die Ergebnisse stellten mich jedoch erst jetzt wirklich zufrieden. Die Anforderungen an eine wirksam geführte Meditation fast diametral den Anforderungen an gutes Geschichtenerzählen entgegengesetzt. Der meditative Zustand lässt sich besser herbeiführen, wenn bestimmte Worte gesteigert und wiederholt werden, z. B. „Du wirst immer ruhiger und ruhiger. Ein tiefer Friede breitet sich in dir aus. Du spürst ihn immer tiefer und tiefer.“

Die Gute-Nacht-Meditationen für Kinder, die seit den Abenden mit Joanna in meinem Verlag atemwort erschienen sind, folgen alle einer Struktur: Nach den schon beschriebenen Schritten kommt ein Moment, wo das Kind Situationen des vergangenen Tages oder wiederkehrende belastende Erlebnisse aus der sicheren Distanz des Beobachters betrachten und auf kindgerechte, bildhafte Weise verabschieden kann, zum Beispiel indem es die Bilder des Tages an den Schwanz eines Drachen bindet und ihn fliegen lässt. So befreit kann es sich voll Vertrauen den folgenden kraftvollen und schönen Bildern überlassen, deren wohltuende Wirkung sich entfalten und im Schlaf vertiefen kann.

Zuhören und reden ohne zu urteilen

Viele Eltern führen auch ohne autogenes Training oder Meditation ein Gespräch mit ihren Kindern vor dem Einschlafen, in dem sie die Ereignisse des Tages reflektieren. Ein wichtiger Moment, der Kindern hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Das gelingt umso besser, je mehr Geborgenheit sie in dieser Situation erfahren, also auch keine Angst haben müssen, etwas zu erzählen, weil sie ahnen, dass Vater oder Mutter dies nicht gutheißen würden. Eltern sind daher  gut beraten, wenn sie an dieser Stelle einmal auf das Urteilen und Verurteilen, das Werten und Bewerten verzichten. Vielmehr sollte stattdessen folgender Gedanke, insbesondere bei belastenden Ereignissen im Vordergrund stehen: „Du kannst das alles jetzt aus der sicheren Distanz des Beobachters anschauen. Es ist vorbei!“ Umgekehrt nämlich machen sich Kinder auch nach dem Gespräch noch viele Gedanken, wenn Eltern zu stark bewerten. „Ist mein Freund böse? Ich hätte mich anders verhalten sollen. Was werden die anderen morgen sagen? Darf ich noch mitspielen?“ usw. An Einschlafen ist bei solchen Sorgen nicht zu denken. Auch Eltern dürfen darauf vertrauen, dass Zuhören (ohne Bewerten) oft schon reicht. Und wenn Kinder nachfragen, ob etwas gut oder richtig, falsch oder böse war, dann wünsche ich den Eltern, die Worte zu finden, die deutlich machen, dass wir alle Menschen sind, die Fehler machen, die lernen und die Dinge unterschiedlich sehen und handhaben. Dass alles, was wir erfahren, uns hilft uns weiterzuentwickeln.

 

Das Richtige lesen

Das Richtige lesen

Älteren Kindern wird beim Zubettgehen oft noch erlaubt zu lesen. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Allerdings sollten Eltern, deren Kinder schlecht einschlafen können, bei der Auswahl der Lektüre behilflich sein. Romane beispielsweise können sehr nachteilig sein, insbesondere wenn es heißt: Noch ein oder zwei Kapitel! Romanschriftsteller arbeiten mit sogenannten Cliffhangern, das sind Stilelemente, die die Spannung in einer Geschichte am Kapitelende aufrecht erhalten.

Auch hier lohnt es sich , die Zeit, die Ihr mit dem Verhandeln über die Dauer des Lesens verbringt und den Ärger über schlafunwillige Kinder durch eine 20 minütige Fantasiereise zu ersetzen, deren Verlauf Ihr so steuert, dass das Kind am Ende einschlafen kann, um weitere wunderschöne Bilder im Traum fortzuspinnen. Die Kinder nehmen dieses Angebot gerne an, weil es ein unglaublich tolles Erlebnis ist, in sich hineinzusehen und den inneren Reichtum an Bildern zu erfahren.

Anregungen für diese Reisen geben die Hörbücher mit den Gute-Nacht-Meditationen für Kinder, die auch dann eingesetzt werden können, wenn Eltern einmal nicht selbst die Zeit oder Muße dafür finden. Die Hörbücher sind in Dauer, Thema, Sprache, Bildern bis hin zur Verpackung den Bedürfnissen von Kindern angepasst.  Jede CD widmet sich zudem einem speziellen Thema, zum Beispiel „innere Ruhe“, „Macht“ oder „Vertrauen“.

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