Wie rede ich am besten mit meinem Kind vor dem Einschlafen?

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Was Oswin seinem Großvater erzählt (Illustration von Gustav Süs zu Franz Wiedemanns Geschichten, wie sie Kinder gern haben, Dresden 1860)

 

Zu den wichtigsten Momenten des Tages zählt die Zeit vor dem Einschlafen, wenn Mama oder Papa noch am Bett sitzen und ganz nah sind, wenn sie nichts anderes tun, als zuhören, reden, etwas vorlesen oder singen, also ihre möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit ganz dem Kind schenken. Kein Wunder, dass Kinder diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern wollen. Eltern, die sich dessen bewusst sind und den Tag abschließen wollen, indem sie mit ihrem Kind noch einmal besprechen, was denn so am Tag alles passiert ist, sollten um die Klippen wissen, die beim Gute-Nacht-Gespräch den Weg in den Schlaf versperren können. Zum einen kann es passieren, dass das Kind – im Grunde schon zufrieden und müde – wenn es in Gedanken den Tag noch einmal Revue passieren lässt, sich an etwas erinnert, das z. B. am Morgen im Kindergarten geschah und es sehr verletzt hat. „Der Timo hat meinen Turm kaputt gemacht. Der ist immer so gemein zu mir.“ Und die Erinnerung an den Ärger lässt den Ärger selbst wieder hochkommen und schwupps ist es hellwach und fast wieder genauso aufgeregt wie am Morgen.

Was tun? Das war nicht im Sinne des wohlmeinenden Vaters, der teilhaben wollte an den Erlebnissen seiner Tochter und nun ein aufgeregtes Kind so beruhigen muss, damit es einschlafen kann. Eltern haben verschiedene Strategien für den Umgang damit:

1. Das Gespräch vermeiden: Das kann dann sinnvoll sein, wenn es damit nicht völlig unter den Tisch fällt, sondern z. B. zu einem etwas früheren Zeitpunkt stattfindet, wie beim Abendessen oder kurz davor oder danach.

2. Beschwichtigen und möglichst schnell vom Thema ablenken: Diese Eltern bevorzugen Sätze wie „Ja, das war echt gemein vom Timo. Am besten du spielst morgen mit einem anderen Kind“ oder „Na, so schlimm ist das doch nicht. Dann gehst du zu Frau Müller – die hilft dir. Und dann baust du den Turm eben wieder auf.“ Eltern möchten ihren Kindern gerne mit solchen Aussagen den Rücken stärken (Dein Ärger ist berechtigt!) und bieten sofort eine mögliche Lösung an. Daraus spricht auch eine gewisse Hilflosigkeit. Eltern können das Leid nicht ungeschehen machen, auch wenn sie es noch so sehr möchten. Und weil sie sehr gut wissen, wie schlimm es sich anfühlen kann, möchten sie diesen Schmerz möglichst schnell vergessen machen. Doch die vermeintlich gute und schnelle Lösung wird vom Kind nicht immer angenommen. Oder es bleibt ein unbefriedigendes Gefühl beim Kind zurück, denn das Thema ist vom Tisch, aber der Ärger noch im Bauch spürbar. Wie soll man da einschlafen? Ich empfehle Eltern in diesem Fall, dem Drang nach Hilfsangeboten zu widerstehen und stattdessen zu versuchen, die Gefühle des Kindes in Worte zu fassen. Das ist leichter gesagt als getan. Vielen Eltern fällt es schwer, zunächst nichts anderes zu sagen als z. B. „Da hast du dich aber richtig geärgert.“ „Du bist immer noch wütend auf Timo, nicht wahr?“ „Ich sehe, wie enttäuschst du von deinem Freund bist.“ oder ähnliches.  Aber genau das führt zu dem Ergebnis, dass das unangenehme Gefühl verwandelt werden kann. Es bekommt einen Namen: Ärger, Wut, Enttäuschung, Trauer usw. Und das Kind fühlt sich verstanden oder aber es hat die Möglichkeit, zu korrigieren. „Nein, ich bin sauer, nur traurig.“ In jedem Fall liegt der Fokus nicht auf dem Verursacher und wie böse, doof oder gemein der ist, sondern darauf, was es bei dem Kind selbst auslöst. „Bei sich bleiben“ heißt es und verhindert, dass Eltern und Kinder sich in Verurteilungen anderer verstricken, die in der Regel dazu führen, dass das eigene Kind selbst andere verletzt, indem es bei passender Gelegenheit Sätze wiederholt wie „Du bist doof!“ Fühlt sich das Kind angenommen und verstanden in seinen Gefühlen, kann es sie anschließend leichter loslassen. Dabei helfen Hinweise wie: „Das war heute morgen. Jetzt bist du hier in deinem warmen Bett, bei mir. Es ist vorbei.“ Also wieder den Fokus auf das Hier und Jetzt legen und so deutlich machen, dass es wenig hilfreich ist, das belastende Gefühl weiter wach zu halten.

Übrigens habe ich selbst bei meiner Tochter, als sie noch klein war, erlebt, wie befreiend es sein kann, nur das Gefühl stellvertretend für das Kind in Worte zu fassen. Als sie sich einmal sehr verletzt fühlte, sprach ich es für sie aus. Sie schaute mich erstaunt an, sagte: „Stimmt!“, drehte sich um und ging. Es war alles, was sie in diesem Moment brauchte.

3. Eltern gehen gerne noch einen Schritt weiter und versuchen, den Blick des Kindes dafür zu schärfen, wie es selbst dazu beigetragen hat, dass Timo so gemein wurde. „Hast du denn etwas getan, was den Timo geärgert hat?“ oder „Warum war denn Timo so gemein zu dir, was meinst du?“ Ich bin nicht überzeugt, dass dies ein guter Weg ist – insbesondere je jünger die Kinder sind. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zur Schuldfrage. Eltern kennen das: „Wer hat angefangen?“ „Die ist aber schuld!“ und dergleichen unfruchtbare Statements verhärten die Fronten. Keiner fühlt sich verstanden und jeder zieht sich in sich selbst zurück – beleidigt, verletzt und ggf. unnahbar. Erst wenn Kinder gelernt haben, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu verstehen, können sie mit der Zeit den Blick für die Gefühle des anderen öffnen und bringen dann das nötige Verständnis für andere mit.